Heinrich Bedford-Strohm nimmt zur Corona-Krise Stellung

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat sich auf seiner Facebook-Seite zur Corona-Krise geäußert. Er bezog sich dabei unter anderem auf 2. Timotheus 1,7: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!” Lesen Sie hier seine Stellungnahme:

“Der Umgang mit dem Corona-Virus beschäftigt uns gegenwärtig alle. Welche Veranstaltungen können stattfinden? Welche müssen wir absagen? Wen können wir im Alltag physisch berühren und wie? Muss aus dem Handschlag grundsätzlich immer das Zunicken werden? Wann und wie konsequent ist Quarantäne nötig? Und in allem: Wie gehen wir geistlich mit diesen Fragen um? Wie können wir das richtige Maß zwischen zuversichtlicher Gelassenheit und Leichtsinn finden? Für mich sind fünf Aspekte dabei zentral:

1. Nicht aus der Angst, sondern aus dem Vertrauen leben. Bei allem was jetzt an Vorsichtsmaßnahmen ergriffen wird, wissen wir: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ Ps 23,1). Das hilft gegen Panik und Überreaktion. Es ist die beste Voraussetzung, jetzt das Richtige zu tun, um Gefahren für die Zukunft zu vermeiden.

2. Möglichst verlässliche Informationen gewinnen. Gegenwärtig ist das Risiko für jeden Einzelnen vergleichsweise gering. Die Grippewelle 2017/18 hat nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Weltweit sterben daran zwischen 250 000 und 650 000 Menschen. Die Zahl der Corona-Toten betrug laut Zahlen der WHO vom 9.3.2020 weltweit 3817. Der Grund dafür, dass das Thema Corona trotz unvergleichlich geringerer akuter gesundheitlicher Auswirkungen jetzt medial so präsent ist und solch drastische Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden, liegt in der Unberechenbarkeit des Virus. Man möchte verhindern, dass eine Situation überhaupt erst entsteht, die für viele Menschen eine echte Gefahr bedeutet. Deswegen ist es wichtig, den Ratschlägen der Fachleute, die alle verfügbaren Informationen sammeln, Gehör zu schenken.

3. Die Risiken des eigenen Verhaltens für andere einbeziehen. Im täglichen Leben gilt es, die eigene mögliche Angstfreiheit immer mit verantwortlichem Handeln gegenüber anderen zu verbinden. Ich selbst kann mich entscheiden, nicht jedes Restrisiko zu vermeiden. Aber ich muss immer prüfen, womit ich andere, die sich das selbst nicht gewählt haben, einem Risiko aussetze. Deswegen ist eine gute Kommunikation mit denen wichtig, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. Niemand sollte gezwungen werden, ein ungewolltes Risiko einzugehen, weil er oder sie nicht als ängstlich gelten will. Hier kann Rücksicht auf andere wichtiger sein als die eigene Gelassenheit.

4. Im Einzelfall verantwortlich entscheiden. Im Hinblick auf die konkreten Entscheidungen müssen alle aktuellen Informationen einbezogen werden. Bei möglichen Absagen von Veranstaltungen spielt auch eine Rolle, ob es um Dinge geht, über deren Teilnahme die Menschen nach eigener Risikoabwägung frei entscheiden können oder ob es um Veranstaltungen geht, bei der die Teilnahme erwartet wird. Grundsätzlich ist es sinnvoll, sich hier an den Empfehlungen der Fachleute und politisch Verantwortlichen zu orientieren.

5. Wenn Entscheidungen über bestimmte Einschränkungen von physischen Kontakten auf der Basis gründlicher Abwägung getroffen sind, gilt es die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Absagen schaffen Raum für anderes. Wo physische Kontakte nicht möglich sind, können wir neue Möglichkeiten unkomplizierter Kontaktaufnahme ausprobieren und für uns entdecken. Beispiel: Videokonferenzen etwa sind heute technisch kein Problem mehr. Sie können in den Alltag integriert werden und viel Fahrzeit und CO2 sparen. Wo Zeit frei wird, können wir sie etwa nutzen für Besinnung, Gebet, Psalmenmeditation, Auftanken… Gleichzeitig gilt es, Solidarität zu zeigen, mit den Menschen, die massiv unter den wirtschaftlichen Konsequenzen leiden, die mit der gegenwärtigen Situation verbunden ist. Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Geschäftsleute bangen um das wirtschaftliche Überleben. An sie geht das Signal: wir beten für euch. Und wir werden materielle Lasten gemeinsam tragen, wo das möglich und notwendig ist.

Lasst uns immer daran denken: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!””