Kirchen

Die evangelische Kirchengemeinde Essen-Bergerhausen hat zwei Kirchengebäude: die Johanneskirche an der Weserstraße und die Kirche auf der Billebrinkhöhe.

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Die Johanneskirche von 1985

Die Johanneskirche

Die Johanneskirche wurde im Jahr 1985 gebaut. Zuvor stand dort die alte Johanneskirche von 1954. Diese war sowohl baulich als auch konzeptionell von altmodischer Art. Zum einen hatte der 35 Meter lange und etwa 16 Meter hohe Bau weder Dehn- noch Setzfugen – wie eine Schachtel aus einem Stück. Damals hatte man erst wenig Erfahrungen mit Betonaußenwänden und einem so großen Betonstück. Über Fragen der Akustik, über Schallschutz und Wärmedämmung hatte man sich in den 1950er Jahren keine Gedanken gemacht.

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Der Turm der Johanneskirche stammt noch vom ersten Kirchenbau

Auch konzeptionell war die erste Johanneskirche ein Produkt der alten Zeit: Die Gemeinschaft vor Ort sammelte sich zum Gottesdienst. Der Pfarrer trat aus der Sakristei, stellte sich vor den Altar, wandte der Gemeinde den Rücken und sich dem übermenschlich großen Wandkreuz in der Nische zu und begann den Gottesdienst mit dem Anbetungsteil vor Gott. Erst bei der Salutatio wandte er sich grüßend der Gemeinde zu. Damals gab es noch eine andere Art von Gemeinschaft im Stadtteil. Viele Menschen lebten im Schichtrhythmus der Zeche und kamen zum Wochenende kaum aus dem Stadtteil heraus. Autos waren sehr selten, Fernsehen gab es noch nicht. Beides änderte sich schnell.

Die neue Johanneskirche, die im September 1985 eingeweiht wurde, folgt einer gänzlich anderen Konzeption. Sie berücksichtigt, dass die Menschen sich erst kommunikativ zu einer Gemeinschaft finden können müssen, da ein gemeinsamer Lebensrhythmus kaum mehr vorgegeben ist. Dazu hat die Kirche einen Vorraum bekommen, den sie vorher nicht hatte, dazu dient die Begrüßung der Gemeindeglieder durch Pfarrer und Presbyter vor dem Gottesdienst. Die Kirche auf der Billebrinkhöhe hat das schon in den 6oer Jahren berücksichtigt.

Johanneskirche

Die Abendmahlstür der Kirche – eine Schattenreliefarbeit in Bronze – hat eine Besonderheit: An der Stirnseite des langen Tisches, dem ankommenden Gottesdienstbesucher entgegenblickend, sitzt Jesus. Die Jünger sitzen um den Tisch herum mit Ausnahme des Judas, der neben Jesus – den Geldbeutel in der Hand haltend – zu seinem Verrat aufbricht. Wer die Tür öffnet, klappt den Türflügel mit Judas und dem Gedanken an Geld zur Seite und mit einer Bewegung wird für den Besucher die ganze Langseite des Abendmahlstisches frei: Platz am Tisch für alle, die kommen.

Im Gottesdienstraum der Kirche ist es ebenso: Der Pastor als Organisator des Gastmahles Gottes steht hinter oder vor dem Altar und gibt den Tisch frei. Platz ist für alle, die hinzutreten. Die dritte Stelle, an der der Gastgeber hinter der Theke steht, ist übrigens die Kaffeetheke.

Johanneskirche

Die neue Johanneskirche ist ein Gasthaus Gottes auf Erden.
Das Gebäude ist eine Reihe von vier Zelten unterschiedlicher Firsthöhe:

1.) Der Eingangsbereich

Unter einem schützenden Vordach betritt man einen Windfang mit Aushangtafeln.

Das dreieckige Glasbild über der Tür wiederholt den Ablauf der Schöpfungsgeschichte:
Unten, vom grauen Tohuwabohu der Aufstieg zu Licht (gelb) und Leben (grün). Oben der Gipfel: die Stadt Gottes.

2.) Der Kontaktbereich

Er ist für Gespräche vor und nach dem Gottesdienst gedacht und ist gegliedert in die Theke und Sitz- und Stehgruppen. Von hier leitet die Spur von Steinen in den Kirchsaal.

3.) Der Kirchsaal

Um eine frontale Sitzordnung zu vermeiden, sind die Stuhlreihen als Kreissegmente um den Standplatz hinter dem Altar geordnet. Der Pfarrer ist umgeben von der Gemeinde und nicht konfrontiert mit ihr. Für kurze Zwischenpausen (z.B. Musik, Lesungen usw.) kann er sich auf die Bank vor der Orgel oder in die erste Stuhlreihe setzen.

Auf dem vorderen Halbrund – eingefasst von Stufen aus Ruhrsandstein – stehen die Prinzipalstücke (Taufbecken, Kanzel, Altar), auch weitgehend aus Ruhrsandstein.
Johanniskirche
Die Spur von Steinen leitet über die Stufen hinweg bis zum Jerusalemstein am Altar. Er steht für den Ort der Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Die Steine sind ausgesucht zum Lobpreis Gottes in der Geschichte und in der Schöpfung. Biblische Orte (Jerusalem, Jordan, Kanaa, Bethlehem, Nazareth u.a.), schöne Natursteine aus aller Welt und Orte mit einer Beziehung zur Gemeinde gehören dazu (zum Beispiel Partnergemeinden in der früheren DDR und in der dritten Welt (Nias). Einige Steine vermitteln auch persönliche Erfahrungen: Der Stein, auf dem der Bräutigam bei der Trauung kniet, kommt aus Paris. Das kribbelt unter der Kniescheibe. Näheres ist auf einer Informationstafel neben der Kaffeetheke nachzulesen.

Über der Orgel hinter dem Altar blickt man auf das große Glasfenster. Im freien Nachempfinden unseres Kirchsiegels sendet die Sonne des Reiches Gottes ihre Strahlen, die sich in den Seitenfenstern fortsetzen und die Gemeinde umfangen: Rot für Liebe, Blau für Glaube und Treue, Grün für Hoffnung und Leben.

4.) Die Sakristei

In der Sakristei hängt ein Kruzifix des Künstlers Fritz Husmann (Hamburg).

Jan Peter Saß

 

Die Kirche auf der Billebrinkhöhe

Die Kirche auf der Billebrinkhöhe

Die Kirche auf der Billebrinkhöhe wurde im Jahr 1965 gebaut. Sie verdankt ihre Gestalt grundlegenden theologischen Überlegungen. Dr. Reinhard Köster, der als Gemeindepfarrer ihre Gestaltung bestimmte, war als Dozent am Predigerseminar Essen besonders mit Fragen des Gemeindeaufbaus befasst. Durch seine kirchensoziologischen Untersuchungen (Promotion) hatte er sich einen Namen gemacht.

Nun stellte er sich die Frage: “Wie muss eine Kirche als Bau und Raum gestaltet werden, die dem evangelischen Verständnis vom Priestertum aller Gläubigen Raum und Ausdruck gibt?” Grundlegend ist: Es gibt nur eine Ebene; die Ebene der ganzen Gemeinde. Es gibt also keinen durch Stufen hervorgehobenen Altarbereich, und auch die Kanzel steht nicht erhöht. Der “Altar” ist als Tisch der Gemeinschaft und Abendmahlstisch rund gestaltet und kann im Raum frei bewegt werden. Die “Kanzel” ist schlicht ein Rednerpult; ebenfalls ohne festen Standort.

Der Altar

Der Raum ist deutlich Gottesdienststätte, liturgischer Raum, nicht Mehrzweckraum, wie zur Bauzeit sonst häufig konzipiert. In seiner Form und Gestaltung nimmt er mehrere theologische Motive auf: Er erinnert an ein Zelt. Die Gemeinde versteht sich als ein wanderndes Gottesvolk (Wir haben hier keine bleibende Statt…Hebr.13, 14), das Volk auf Pilgerschaft (vgl. die Stiftshütte 2. Mose 26, 2. Sam. 11,11). Die gottesdienstliche Gemeinde kommt her aus der Weite des Lebens und dem Licht der verkündeten Botschaft. Darum sind die Wände seitlich des Eingangs ganz in Glas gehalten, und die Gemeinde ist unterwegs in eine offene Zukunft: Die seitlichen Glasfenster sind als aufsteigende Lichtbänder gestaltet. Sie bewirken ein Gefühl der Bewegung nach vorne und oben. Die aufeinander zulaufenden Wände bilden die Form eines Schiffsbugs.

Zur Zeit des Kirchenbaus war ein neues Lied entstanden: “Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit…” Das Mauerwerk der Seitenwände ist in weißen Formklinkern ausgeführt. Jeder Stein ist ein Unikat, lebendige Steine. Jeder Stein kann für einen Menschen stehen und alle zusammen für die Gemeinschaft: “…bauet auch ihr euch als lebendige Steine zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft” (1. Petr. 2,5) Dem Gemeinschaftscharakter der Gemeindeversammlung entspricht es, dass die Bestuhlung beweglich ist, veränderlich in ihrer Anordnung, entsprechend dem jeweiligen liturgischen Anlass.

Der Innenraum mit den Glasfenstern

Die evangelische Kirche versteht sich als offene und einladende Gemeinde. Entsprechend ist die Fassade zur Straße hin in großen Glasfenstern gestaltet, die den Blick ins Foyer gewähren. Dieses empfängt nicht nur die Besucher hinter dem Portal, sondern ist zugleich Raum der Begegnung.

Die Kirche auf der Billebrinkhöhe ist nach meinem Ermessen die einzige konsequent nach evangelischem Gemeindeverständnis gestaltete Kirche in Essen.

Philipp Neßling

 

Die künstlerische Ausgestaltung der Kirche auf der Billebrinkhöhe

Die Kirche auf der Billebrinkhöhe wurde 1965 in Beton gebaut, wie fast alle Ruhrgebietskirchen damals. Außen sah alles hellgrau aus. Der Architekt Horst Dilke achtete darauf, dass innen wertvolle Materialienverwandt wurden. Wo es außen spitz aussieht, ist innen viel warmes Holz. Und außen ist es jetzt weiß, grün und anthrazit. 

Die farbigen Fensterbänder der isländischen Künstlerin Gerour Helgadottir geben dem Innenraum ein sakrales Gepräge, ohne nach Deutungen zu verlangen. Als leuchtende Farbbänder ziehen sie sich rundherum, aufsteigend, dabei kleiner und farbintensiver werdend. An der Nordseite sind sie noch in der ursprünglichen Bleiverglasung erhalten.

Textilvorhänge, die -  durch das Kirchenjahr wechselnd – an Altar und Kanzel aufgehängt werden, nennt man in der Kirchensprache „Paramente“. Unser Abendmahlstisch ist rund, daran lässt sich nichts aufhängen. Dann entdeckten wir die Filzstift-Bilder der geistig behinderten Künstlerin Heidi Jung (Tochter von Hans Jung, siehe  “Geschichte“) für unsere Kirche. Frauen unserer Gemeinde setzten die Kunstwerke in feinste Seidenapplikation um, und nun begleiten sie uns durch den Wechsel der Zeiten. Eine Bildermappe mit Einzelbeschreibungen ist am Eine-Welt-Stand erhältlich.

Das Außenportal ausgetriebenem Kupfer wandelt die übliche Darstellung vom Weltgericht ab: Es gibt nicht auf der einen Seite Verdammte, auf der anderen Gerettete. Einen eigenartigen Kreislauf hat der Künstler Kurt Sandweg gestaltet. Ein eigenes Kriegserlebnis erzählte er kurz vor seinem Tode vor dem Billebrinkhöher Portal: In einem Kessel unter Dauerbeschuss verloren viele Kameraden ihr Leben. Dann plötzliche Feuerpause – er war gerettet. Sein geschenktes Leben wurde ihm Auftrag und Mahnung: Die sicher Geretteten auf der einen Seite mögen zusehen, dass sie nicht fallen. Die kopfüber abwärts gleitenden Gestalten auf der anderen Seite aber fallen nicht ins Leere, sondern werden wieder nach oben gezogen.