23/09/2026 0 Kommentare
Über den verantwortungsvollen Umgang mit Macht
Über den verantwortungsvollen Umgang mit Macht
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Über den verantwortungsvollen Umgang mit Macht
Interview mit Henning Aretz
Das Thema Macht und Ohnmacht berührt die Kernfragen des menschlichen Zusammenlebens und der gesellschaftlichen Struktur. Wo Macht ist, gibt es fast immer auch Ohnmacht. Macht klingt auf den ersten Blick oft negativ – wir denken schnell an Manipulation, Unterdrückung oder Egoismus. Welche Assoziationen hast Du zu Macht?
Henning Aretz: Macht ist für mich nicht in erster Linie negativ, sondern eher positiv besetzt. Macht bedeutet die Kraft, Dinge zu erreichen und Ideen umzusetzen. Zentral ist dabei aus meiner Sicht der verantwortungsvolle Umgang mit Macht, z. B. in der Familie.
Was heißt verantwortungsvoller Umgang mit Macht in der Familie für Dich konkret?
HA: Wenn ein kleines Kind auf eine gefährliche Straße laufen will, muss man dies verhindern und das Kind stoppen. Im Zweifel muss man es festhalten, auch wenn es sich wehrt. Es geht hier um elterliche Verantwortung. Dazu gehören klare Regeln und Grenzen, aber ebenso Zugewandtheit und ganz wichtig Vertrauen. Kinder brauchen altersgemäße Freiheiten. Verantwortungsvoller Umgang mit der elterlichen Macht heißt im Gespräch bleiben.
Im Zusammenhang gerade der elterlichen Verantwortung, wo der Schutz und die Fürsorge für die Kinder im Mittelpunkt stehen, kann ich den positiven Aspekt der Macht gut nachvollziehen. Aber wozu braucht es Macht in der Gesellschaft?
HA: Macht ist erforderlich, wenn es um die Umsetzung von Entscheidungen geht. Es gibt oft viele gute Ideen, die allerdings in sehr unterschiedliche Richtungen gehen können. Um weiterzukommen, müssen Entscheidungen getroffen werden. Hierfür gibt es in der Gesellschaft, aber auch im beruflichen Umfeld in der Regel festgelegte Strukturen. Die getroffenen Entscheidungen umzusetzen, heißt die entsprechenden Regelungen zu treffen und die konkreten Schritte einzuleiten, dazu benötigt man die entsprechende Macht.
Macht also quasi als notwendiges Werkzeug des Zusammenlebens. Du betonst die Verantwortung, die mit der Macht verbunden ist? Wodurch kennzeichnet sich für Dich ein verantwortungsvoller Umgang mit Macht?
HA: Dazu gehören für mich vor allem Anstand und Glaubwürdigkeit insbesondere im Umgang mit Menschen. Menschen wertschätzend zu begegnen, sie einzubeziehen und im Gespräch zu bleiben, ist unbedingt notwendig. Wenn eine Auswahlentscheidung getroffen wird, ist es wichtig, gerade mit der Person, die nicht berücksichtigt wurde, ins Gespräch zu kommen und die Entscheidung transparent zu machen. Die Enttäuschung wird man ihr nicht nehmen können, aber man zeigt ihr Wertschätzung. Das ist Ausdruck eines verantwortungsvollen Umgangs, wenn man die Macht oder die Befugnis hat, über die Auswahl zu entscheiden.
Wenn man von den Entscheidungen anderer abhängt, fühlt man sich schnell ohnmächtig? Kennst Du das Gefühl der Ohnmacht und wie begegnest Du ihm?
HA: Das Leben hat oft unerwartete Wendungen und nicht alle gefallen uns. Wenn wir von Entscheidungen anderer abhängen oder uns eine Krankheit trifft, kann das unser Leben grundlegend verändern. Ich kann dann die Situation nicht ändern, aber ich bin frei in der Entscheidung, wie ich damit umgehe. Für mich persönlich hat in solchen Ohnmachtssituationen das Bewusstsein für die kleinen Kostbarkeiten des Lebens eine große Bedeutung bekommen. Dankbar zu sein für das, was da ist. Mir zu verdeutlichen, was ich selbst entscheiden kann und sei es objektiv vielleicht noch so wenig, kann helfen.
Dabei bin ich mir bewusst, dass mein Gefühl von Ohnmacht und mein Umgang damit an Grenzen stößt. Dies wurde mir bei einem Besuch in Dachau sehr deutlich.
Zur Zeit scheinen sich aber nicht nur Einzelne ohnmächtig zu fühlen. In Gesprächen habe ich oft das Gefühl, es gibt in der Gesellschaft insgesamt eine große Ohnmacht, die zu lähmen scheint. Wie kann man aus Deiner Sicht dieser kollektiven Ohnmacht begegnen?
HA: Ja, der Eindruck entsteht, dass sich die Gesellschaft ohnmächtig fühlt und vor allem auch kein Vertrauen mehr in den Staat bzw. in die Macht des Staates hat. Deutlich wird dies zum Beispiel, wenn man mit Menschen über die Sicherheit spricht.
Wichtig ist es aus meiner Sicht, hier den Blick zu weiten und zu schauen, wie ist eigentlich die Lage im Vergleich zu anderen. Wie sieht es aus, wenn wir in die Vergangenheit blicken, zum Beispiel in die Zeit des Nationalsozialismus, oder in andere Teile dieser Welt. Das bedeutet nicht, dass wir die Probleme kleinreden oder die Ängste und Befürchtungen nicht ernst nehmen. Mir geht es um die Einordnung und eine ausgewogene Bewertung.
Als Vorsitzender des Presbyteriums bist Du eingebunden in die Strukturen der Kirche. Wie empfindest Du die Machtstrukturen in unserer Kirche?
HA: In der evangelischen Kirche haben wir deutlich mehr Möglichkeit der Gestaltung als in der katholischen Kirche. Die Macht und der Einfluss der Gemeinden sind hier erheblich größer.
Dies bedeutet für die Kirchenleitung zugleich, dass sie mehr Überzeugungsarbeit leisten und für ihre Positionen werben muss. Das erfordert viel Einsatz.
Das heißt aber auch, dass den Gemeinden und hier den Presbyterien eine große Verantwortung bei den Entscheidungen für die Zukunft der Gemeinden zukommt. Dabei sind ein konstruktiver Austausch und eine vertrauliche Beratung in dem Presbyterium ebenso wichtig wie die Einbindung der Gemeindemitglieder.
Das Interview führte Sabine Porrmann
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